Wenn man sich intensiver mit Fragen der Unternehmensstrategie beschäftigt, dann fällt einem permanent auf, dass man zwar allerorts gerne von unternehmerischer Wertschöpfung redet, aber nicht unbedingt die heute essenziell wichtigen Werte dabei meint. Gerade hat der Stern in einem interessanten Artikel darauf hingewiesen, dass vormals gut etablierte Unternehmen in Probleme geraten sind, nachdem sie sich mit den Kräften, die Müntefehring, viel gescholten, als „Heuschrecken“ bezeichnete. Dieser umstrittene Begriff soll gar nicht im Mittelpunkt stehen. Es geht vielmehr darum, dass viele Managements von Unternehmen aller Größen offenbar fundiertes Wissen und richtungsweisende Erkenntnisse umfassender Studien der Praxis (!) ignorieren.
Venzin und seine Koautoren schreiben völlig zu Recht, dass Erwartungen an Steigerungen von 100% pro Quartal letztendlich absurd und widernatürlich sind. Viele Unternehmen haben begonnen Balanced Scorecards einzuführen, ein strategisches Instrument, das bestimmt nicht zu Unrecht als die wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Entwicklung der letzten 50 Jahre bezeichnet wird. Aber die Erkenntnisse und Resultate der Balanced Scorecard weisen explizit darauf hin, dass die Finanzperspektive, i.e. der finanzielle Aspekt eines Unternehmens, allenfalls noch gerade mal 25% der Unternehmenswerte darstellt. Ist da nicht ein Widerspruch? Einerseits die Balanced Scorecard als Steuerungsinstrument, andererseits die so häufige Negierung der nun einmal unverrückbaren Sachlage, dass 75% der Unternehmenswerte nicht finanzieller Natur sind?
Natürlich läuft am Ende alles auf Profitabilität eines Unternehmens hinaus, das ist auch völlig in Ordnung. Aber einmal hat sich der Weg zu solcher in heutigen Märkten radikal gewandelt und andererseits gibt es ein Gefahrenpotenzial, das Überhitzung lautet. Im rasant wachsenden chinesischen Markt geht ständig die Angst davor um, dass die Konjunktur überhitzt wird, bei der kleineren Einheit Unternehmen, so versuchen es zumindest einige Investoren, soll genau das ständig geschürt werden. Das ist schon hinreichend paradox.
Cassia und seine Kollegen weisen darauf hin, dass das Rückgrat einer Volkswirtschaft, i.e. die Unternehmen die am meisten zum BIP beitragen, in aller Regel diejenigen sind, die dauerhaft dazu neigen zumindest leicht unter der durchschnittlichen Wachstumsrate zu liegen. Das sind aber auch diejenigen Unternehmen, die am wirkungsvollsten für den Arbeitsmarkt sind. Letztlich sind es diese Kräfte, die einer Volkswirtschaft Stabilität und Substanz geben, welche auch durchaus begrüßenswerte wirtschaftliche Extravaganzen, z.B. radikale Innovationen, die nicht immer gewinnen, ermöglichen.
Es erscheint einem oft so, als würde vergessen, dass Industrien, Märkte und Produkte einem Lebenszyklus unterworfen sind. Reife Märkte können nicht mehr das erzielen, was junge aufstrebende Märkte bieten. Dafür sind diese aber deutlich geringer in ihren Schwankungen. Die Renditen sind niedriger, aber sicher zuverlässiger. Was ist mit das teuerste in der Wirtschaft? Try & Error. Aber ohne diese geht es auch nicht ganz. Reife, erfahrene Märkte können den „jungen Radikalen“ daher das Umfeld bieten, um zu experimentieren.
Schon ein schneller Blick in überall verfügbare Literatur, wird jedem Manager zeigen, dass es Sachlage ist, dass immaterielle Werte diejenigen sind, die Unternehmen nach vorne bringen. Dazu gehört auch gerade das Humankapital. Menschen sind es, welche den nötigen Wechsel an unternehmerischen Leistungen auf allen Ebenen bewirken. Auch hier das Paradoxon, dass Unternehmen dazu neigen, sich genau dieses Kapitals permanent zu entledigen. Sony’s CEO Deutschland hat das genau so bezeichnet. Kein Mensch käme darauf, Geld mit beiden Händen aus dem Fenster zu werfen. Vielleicht fehlt den Wissensträgern und Ausführenden in Unternehmen einfach der Stempel des $ oder € auf der Stirn? Wer weiß.
Auch Kotler hat schon vor Jahren auf die Umkehr der materiellen Wertekette hingewiesen und immer wieder deutlich gemacht, dass Geld viel zu wenig ist, um daraus eine unternehmerische Zukunft zu gestalten. Immer mehr große Konzerne sind gestürzt, andere stehen am Rande des Abgrunds, da hat auch alles Geld in den Kassen absolut nichts genützt und wird es auch zukünftig nicht. Es ist vielmehr zu befürchten, dass ein unverändertes Weitermachen wie bisher Prozesse des Niedergangs eher beschleunigt.
Das Wissen um die neuen, veränderten Kräfte der Wirtschaft ist überall zu beziehen, die Notwendigkeit umzudenken an so vielen Stellen zu erkennen und, dass überzogene Renditeerwartungen, die man auch ruhig mal beim Namen Gier nennen darf, in den Abgrund führen, hat, um aktuell zu bleiben, die hohe Unfähigkeit der Banken, trotz aller volkswirtschaftlicher Abteilungen, gerade mal wieder bewiesen. So wird es ganz sicher nicht mehr lange gut gehen. Wer ein wenig tiefer schürft, kann die drohenden Gefahren sehr leicht erkennen – und diese sind schon heute äußerst hoch geworden.
Klaus Oestreicher